32. Sonntag im Jahreskreis – Lj B

gehalten in Parsch, am 8. November 1970

 

Die rechte Opferbereitschaft

 

Heute ist als SoEv ein Stück des MkEv (c.12) an der Reihe, das so manchen völlig unbekannt sein dürfte.

 

Zwei Teile hat dieses heutige Ev.:

 

Im 1. Teil wird uns berichtet, wie Christus das Volk vor den Schriftgelehrten von damals warnte: "Nehmet euch in acht vor den Schriftgelehrten!" Warum wohl? Der Herr prangert ihre Eitelkeit und ihre Repräsentationssucht an: "Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, sich auf öffentlichen Plätzen grüßen zu lassen, in den Synagogen und bei Festmählern auf den ersten Plätzen zu sitzen; dabei sind sie hart und lieblos gegen Witwen und andere Menschen in Not. Und all ihre Frömmigkeit ist nur Schein, armselige Scheinheiligkeit.“

Vielleicht sind da bei der Nutzanwendung aus diesem 1. Teil des heutigen SoEv so manche Progressisten im Priester— und Laienstand gleich darauf aus, zu erklären, dass auch heute — genau wie damals — so manche Amtsträger der Kirche diesen Vorwurf Jesu verdienen. Mag sein, dass es bei dem und jenem tatsächlich zutrifft. Übersehen wir aber das Eine nicht: die amtlichen Vertreter der Religion haben es immer schwer, wie einst, so heute. Man verlangt von ihnen, dass sie ihren Repräsentationspflichten um der Würde der Religion willen nachkommen, und wenn sie dies dann tun wollen, dann machen sie es vielen erst recht nicht recht. Man wettert dann gegen Byzantinismus und Triumphalismus in der Kirche und tut alles, was noch irgendwie in der Kleidung an den Priesterstand und an die Hierarchie erinnert, mit einer kalten Handbewegung als überholt und unzeitgemäß ab und treibt die Entsakralisierung so weit, dass manche Priester statt in würdiger Messkleidung im Straßenanzug oder gleich hemdärmelig die hl. Messe feiern. Ob so der Tadel Jesu für die Hohenpriester und Schriftgelehrten von damals in der rechten Weise auf die kirchlichen Amtsträger von heute angewandt richtig interpretiert wird, ist aber stark zu bezweifeln. Gewiss, was manche Priester, Kanoniker, Prälaten, Bischöfe und Kardinäle einst und da und dort heute noch ihrem "Amt" schuldig zu sein meinten, das entpuppte sich leider tatsächlich allzu oft als persönliche Eitelkeit. Aber ob solche Eitelkeit nicht harmloser ist als alles revolutionäre Entsakralisieren, wie es manche heute praktizieren?

Und ob die Warnung Jesu vor den Schriftgelehrten von damals nicht in einem viel ernsterem Sinn von den Schriftgelehrten, den Exegeten und Theologen von heute gilt? Ob die Warnung Jesu vor manchen Schriftgelehrten von heute, die das Wort Gottes in der Hl. Schrift total entmythologisieren, bis nichts mehr übrig bleibt als eine orientalische Geschichte mit ein paar moralischen Nutzanwendungen für rechte Mitmenschlichkeit, nicht gar sehr am Platze wäre?

Da habe ich in der Predigtvorbereitung zum 2. Teil des heutigen SoEv einen modernen Kommentar eines modernen Schriftgelehrten hergenommen und nachgelesen. Wir haben ja die schlichte Begebenheit im Leben Jesu vernommen: "Jesus setzt sich (eines Tages) in der Nähe des Opferstockes (beim Eingang in den Tempel zu Jerusalem) und sieht zu, wie das Volk Kupfermünzen in den Kasten wirft. Viele Reiche kamen und legten viel hinein. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei Lepta hinein. — Jesus rief dann seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr als alle anderen in den Opferkasten getan. Denn die anderen haben nur etwas von ihrem Überfluss gegeben, sie aber, die nur das Notwendigste zum Leben hatte, opferte alles, was sie besaß".

Was fand ich nun zur Erklärung dieser Begebenheit im Leben Jesu in diesem modernen Kommentar eines modernen Schriftgelehrten? Da wurde kaltschnäuzig behauptet, hier könne es nicht um ein wahres Erlebnis im Leben Jesu gehen, sondern nur um eine vom Evangelisten Markus erfundene Beispielerzählung. Warum aber kann nach diesem modernen Schriftgelehrten die Geschichte nicht wahr sein? 1. weil als Spende der armen Witwe eine griechische Münzeinheit, ein Lepton genannt wird, obwohl im Tempelbezirk nur jüdische Münzen verwendet werden durften; 2. sei der ganze Vorgang schwer vorstellbar, denn wenn Jesus dem Opferstock gegenüber saß, wie es im Text heißt, habe er gar nicht beobachten können, was die arme Witwe hineinwarf; und 3. sei ein so aufdringliches Zuschauen und dann ein ebenso ungehöriges Herbeirufen der Jünger für Jesus höchst unanständig und könne darum nicht wahr sein. Es könne also nur um eine erfundene Geschichte, um eine Beispielerzählung gehen, wie sie jeder Katechet seinen Schülern erzähle, um eine Wahrheit zu beleuchten... Zu solch moderner, rationalistischer Schrifterklärung kann man nur lachen! Aber indieser Art machen es heute gar manche moderne Exegeten im katholischen und protestantischen Raum: Alles wirklich Geschichtliche wird so lange neuinterpretiert, bis vom Leben Jesu und von seinen Worten nichts mehr übrig bleibt als nur ein entmythologisierter Mythos. So interpretiert man uns die Existenz des Teufels weg, von dem in der Hl. Schrift so oft die Rede ist; er sei nur ein symbolhafter Ausdruck für das Böse. Und so interpretieren uns moderne Exegeten und Theologen auch schon die Existenz Gottes weg; diese modernen Tod-Gottes-Theologen in Amerika, Holland und Deutschland erklären uns heute schon, dass Gott nur eine Chiffre, ein Bildbegriff für die rechte Mitmenschlichkeit sei, Jesus aber sei nur ein gescheiterter Wanderprediger gewesen, der gegen das Establishment von damals aufgestanden sei und selbstlos die wahre Mitmenschlichkeit bis hin zu seinem Tod vorgelebt habe.

Bei solchen Schrifterklärern und Schriftgelehrten kann man wahrhaftig die Warnung Jesu aussprechen: "Nehmet euch in acht vor den Schriftgelehrten!"

Nun aber wirklich zur Begebenheit im 2. Teil des heutigen SoEv, die in der Schlichtheit, in der sie erzählt wird, eigentlich gar keinen Zweifel aufkommen lässt, dass sie sich wirklich zugetragen hat:

Es ist so vielsagend, wie sich da Jesus eines Tages, nachdem er das Volk belehrt hat, in der Nähe des Tempeleingangs hingesetzt hat, nur um einmal zu beobachten, was sich da vor seinen Augen abspielt und zuträgt. Es wäre ja auch heute noch recht aufschlussreich, "mit verborgener Kamera" die Menschen, die sonntags in die Kirche hereinkommen, zu beobachten. Die einen, die es noch der Mühe wert finden, vor dem Allerheiligsten ihre Knie zu beugen, weil sie noch an die Gegenwart Christi im hl. Sakrament des Altares glauben; die anderen, die bewusst auf die Kniebeuge verzichten, weil sie über solche Dinge erhaben sind und weil ja schließlich der Herrgott froh sein muss, dass der Herr X und die Frau Ypsilon auch wieder einmal ihren Höflichkeitsbesuch in der Kirche machen. Aber lassen wir diese Beobachtung! Sehen wir zu, wie Christus die Menschen damals beobachtet hat. Sonst heißt es immer umgekehrt von den Feinden Jesu: "Sie beobachteten ihn genau!" Diesmal tut eigenartigerweise er selber es, er beobachtet die Menschen. Nie sonst wird uns in den Evangelien eine solche Szene berichtet. Abseits von den Menschenansammlungen hat Jesus sich für ein paar Augenblicke gegenüber dem Opferstock beim Tempeleingang niedergelassen: still, wie in sich selbst versunken, betrachtet er die Eintretenden, die da - wie es üblich war - beim Betreten des Tempels ihre Gabe in den Opferstock warfen: Unaufhörlich wiederholte sich die gleiche Geste des Gebens, des Opferns, nur in sehr verschiedener Art und Weise: Das eine Mal geschah es vielleicht sehr ostentativ, da einer seinen Geldbeutel herauszog und einen Denar herausholte und ihn dann möglichst so, dass es viele sehen und hören konnten, in den Opferstock warf; ein anderer tat es vielleicht mehr verstohlen; wollte er etwa nicht, dass man sah, wie er nicht eine Geldmünze, sondern einen flachen Kieselstein opferte? (Hosenknöpfe gab es ja damals noch nicht!) Und woran dachten diese opfernden Menschen? Warum verrichteten sie überhaupt diese Geste des Opferns? War es für sie nur eine gesellschaftliche Pflichtübung? Oder nur religiöser Brauch? Oder symbolischer Ausdruck ihrer eigenen geistlichen Selbstaufopferung und Hingabe an Gott? Jesus beobachtete sie jedenfalls der Reihe nach und sah ihnen nicht bloß auf die Hände, sondern ins Herz! Er beobachtet auch uns, jeden von uns, dich und mich, bei der sonntäglichen Geste des Opferns! Wie opfern wir? Was opfern wir? Nur ein Stück Brot? Ein paar Tropfen Wein? Und vielleicht ein paar Groschen dazu? Oder legen wir geistigerweise auf den Opferteller der Patene und in den Opferkelch mehr als nur diese bescheidenen sichtbaren Gaben?

Plötzlich tauchte damals in der Reihe der Opfernden, die Jesus beobachtete, auch eine arme Witwe auf. Witwen waren damals durchwegs arm. Es gab noch keine Witwenrente und keine Altersrente und keine Fürsorgerente. Sie waren so arm, dass es wirklich als eines der besonders guten Werke galt, Witwen und Waisen zu helfen. Diese Witwe könnte nun am Opferstock vorbeigehen. Man weiß ja, dass sie nur das zum Leben Notwendigste hat. Aber nein, auch sie will in Dankbarkeit gegen Gott ihren Beitrag leisten zur Erhaltung und Verschönerung des Tempels und des Gottesdienstes. Zwei kleine Münzen, Lepton genannt, wirft sie in den Opferstock hinein. Was ist ein Lepton? Wir wissen es ganz genau, welchen Wert diese griechische Münzeinheit hatte: Ein Denar = der Tageslohn eines Hilfsarbeiters von damals, ein Denar war 144 Lepta wert. Zwei Lepton sind also wahrlich nicht viel; nach unseren Verhältnissen vielleicht 2 öS. Damit hätte sie sich etwas Brot kaufen können. Mehr wohl nicht, Aber sie gibt, was sie hatte. Und das wertet ihre Gabe ganz gewaltig auf. Sie war Gott gegenüber großzügig, großmütig, wissend, dass Gott sich an Großmut von uns Menschen nicht übertreffen lässt. Aber wahrscheinlich hat diese Witwe gar nicht in armseligem Krämergeist nach dem Grundsatz handeln wollen "Do ut des". Ich gebe, damit du, o Gott, mir wiedergibst. Sie gibt alles, was sie hatte, aus dankbarer Gottesliebe, weil ihr Gott über alles ging – und weil sie wusste, dass man Gott nicht mit schäbigen Brosamen abspeisen darf.


 

Alles, was sie hatte, gab sie. Es war wahrhaftig ein Ganzopfer. Nichts behielt sie für sich, sie machte keinen Vorbehalt. Sie warf sich in die Arme Gottes. Möge Gott mit ihr tun, was er will, was Gott tut, das ist wohlgetan, mag sie gedacht haben. Sie sang das nicht als frommes Lied, sie handelte danach.

Da rief Jesus die Jünger herbei und erzählte ihnen, was er beobachtet hatte an dieser armen Witwe. "Wahrlich, ich sage euch: diese arme Witwe hat mehr als alle anderen in den Opferkasten getan! Denn die anderen haben nur etwas von ihrem Überfluss gegeben, sie aber, die nur das Notwendigste zum Leben hatte, opferte alles, was sie besaß!"

Eine Opfergabe kann ihrem Sinn gemäß nie in absoluten Zahlen gemessen werden, sie kann nur im Verhältnis zur Verfügungsmöglichkeit des Menschen ihren Wert oder Unwert zeigen. Und bei jeder Opfergabe kommt es auf die Gesinnung an, in der sie gegeben wird: Opferbereitschaft unter Vorbehalt, die nur gibt, um wieder zu bekommen, ist nicht viel wert. Opferbereitschaft, die Gott gegenüber kleinlich und knauserisch rechnet, ist ebenfalls nicht viel wert. Nur ein Opfer, das blutet, das wehtut und das aus selbstloser Liebe gegen Gott gegeben wird, ist Gottes würdig. Da täte uns allen nun ernste Gewissenserforschung gut. Wir kennen alle das größte und erste Gebot: Du sollst deinen Herrn lieben aus deinem ganzen Herzen...

(Wie aber machen wir es für gewöhnlich? Wie mit einem Kuchen, den wir aufteilen: Ein Stück für das, ein Stück für jenes... Einen schäbigen Rest bekommt dann meistens Gott, und das nur, damit er uns Glück und Gesundheit verleiht...)