7. Sonntag im Jahreskreis – LjB

gehalten in St. M. Loreto am 18.2.1973

 

Wenn unser Herr und Heiland Jesus Christus nicht bloß in den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft und wirklich gegenwärtig ist, sondern auch in seinem Wort, das wir im Ev. vernehmen, dann müssen wir uns als gläubige Menschen doch Sonntag für Sonntag ganz ernst beim fragen: Was hat mir Christus heute zu sagen und in den Alltag, in den Werktag mitzugeben?

Sehen wir diesbezüglich das heutige Ev. an. Es ist voller Überraschungen.

Die 1. Überraschung ist die, dass da mitten in der versammelten Gemeinde, der Christus sein Wort verkündet, plötzlich ein Gelähmter auftaucht. Es war gar nicht einfach, den Gelähmten vor Jesus hinzubringen. Eine große Menge belagerte nämlich das Haus, in welchem Jesus predigte. Und die Leute standen wie eine Mauer um den Herrn herum und wichen nicht vom Platz. Vier Träger aber wollten einen Gelähmten auf einer Bahre zu Jesus bringen im starken Glauben und Vertrauen, der und nur der da, dieser Jesus, kann diesem armen Menschen noch helfen. In der völligen Aussichtslosigkeit, den Gelähmten vor Jesus hinzubringen, taten sie nun etwas völlig Überraschendes: sie stiegen auf der Außentreppe mit dem Gelähmten zum flachen Dach des Hauses hinauf, deckten das Dach ein Stück ab und ließen durch die Öffnung die Tragbahre mit dem Gelähmten gerade vor die Füße Jesu hinunter. Diese 1. Überraschung müssen wir uns möglichst konkret vorstellen, etwa so, wie wenn jetzt, während der Predigt, das Kirchendach abgedeckt und eine Tragbahre mit einem Gelähmten darauf herunterschweben würde. Wie wären wir alle erstaunt, vielleicht auch ungehalten wegen der Störung. Christus aber sah hinter dem ausgefallenen Einfall dieser Rot—Kreuz—Helfer von damals das grenzenlose Vertrauen zu Ihm und den Glauben an Ihn und seine hilfsbereite Liebe und seine Wundermacht. Jesus freute sich darüber, "als Er ihren Glauben sah..." — Aber was tat Jesus nun?

Da setzt nun die 2. Überraschung im heutigen SoEv ein: Jesus sagte nicht etwa zum Gelähmten: Dein großer Glaube und das grenzenlose Vertrauen derer, die dich unter so schwierigen Bedingungen zu mir gebracht haben, soll belohnt werden! Augenblicklich sollst du nun gesund werden. Gewiss, Christus hätte auch so sprechen können. Er aber sagte ein ganz anderes Wort in die entstandene Stille hinein: "Sei getrost, mein Sohn deine Sünden sind dir vergeben!" — Zunächst werden sich der Kranke und seine Helfer über dieses Wort Jesu gewundert haben, ja vielleicht waren sie sogar enttäuscht, dass Jesus kein Wort von körperlicher Heilung sprach, wie sie es erwartet hatten in ihrem gläubigen Vertrauen. Es war das sicher eine harte Glaubensprobe für sie, dass Jesus da über die furchtbaren Schmerzen des Gelähmten, die durch den mühsamen Transport über das Dach und durch die Luft sicher nicht weniger geworden waren, einfach hinwegging. Er tat es ganz sicher mit Absicht. Der Kranke und die Träger und alle Zuschauer und Zuhörer sollten erfahren und bedenken, dass Jesus nicht dazu gekommen war, um uns Menschen von irdischem Leiden zu befreien, sondern um uns vom viel größeren Leid der Seele, vom Unheil der Sünde und ihren Folgen für Zeit und Ewigkeit freizumachen. Das war hier für die Menschen das Überraschende: Jesus sah und sieht hinter das körperliche Leid und sieht dahinter — nicht bloß bei jenem Gelähmten, sondern bei allen Menschen — als Wurzel allen Leids die Sünde. Betont doch der hl. Paulus mit Recht im Römerbrief: Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod und mit dem Tod alles Leid, das ihm vorausgeht. Die Trennung von Gott in der Sünde ist die eigentliche Ursache aller menschlichen Leiden und Gebrechen. Und die Heilung des Menschen muss da einsetzen, dass er aus der Unheilssituation der Sünde herausgeholt wird.

So spricht Christus zum Gelähmten: "Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" Es war, als wollte Christus sagen: "Ich habe deinen Glauben, dein Vertrauen, deine Reue über alle deine Sünden gesehen. Nun soll dir vergeben und geholfen werden! Und wenn deine Seele von der Sünde wieder frei sein wird, dann wird sich vieles andere ganz von selber ergeben!"

Das Wort von der Sündenvergebung aber war damals die große Überraschung für die lauernden Feinde Jesu, die sich unter die Hörer seiner Predigt eingeschlichen hatten, um ihn zu beobachten.

Einige von den Schriftgelehrten sprachen bei sich: "Der lästert ja Gott, denn wer kann Sünden vergeben als nur Gott allein!" — Ihre Feststellung war an sich ganz richtig: Wer kann Sünden vergeben als nur Gott allein, der durch die Sünde beleidigt wird. Wenn ein bloßer Mensch wagt, Sünden zu vergeben, so greift er in die ausschließlichen Rechte Gottes ein und maßt sich gotteslästerlich ein Recht an, das nur Gott allein zusteht. Wie kann also dieser Jesus Sünden vergeben? — Der Herr las diese Frage aus den Herzen und Gesichtern der Umstehenden.

Und er beantwortete diese Frage mit der 3. Überraschung im heutigen SoEv.: "Damit Ihr erkennt, dass der Menschensohn Macht hat auf Erden, Sünden zu vergeben — nun wandte er sich an den Gelähmten und sprach zu ihm: Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh nach Hause!" — Und siehe da, der Gelähmte, der bis zu diesem Augenblick hilflos und voller Ach und Weh in seinen Schmerzen dagelegen hatte, richtete sich urplötzlich gesund auf, erhob sich von der Tragbahre, und ging vor aller Augen fröhlich davon.

Die Feinde Jesu waren von diesem Tatsachenbeweis so verblüfft, dass sie kein Wort mehr herausbrachten. Das Volk aber — es hat doch immer das gesündere Empfinden als die Großköpfigen — zog den einzig richtigen Schluss aus diesem überraschenden Wunder: "Es geriet in Furcht und pries Gott, der dem Menschen solche Macht gegeben hat!"

Ja, ist nicht Jesus Christus selbst die allergrößte Überraschung, die die Menschen je erlebt haben? Die Menschen werden sich von dieser Überraschung bis zum Jüngsten Tag nie mehr ganz erholen können.

Ein kleiner Beweis dafür ist mir die in Amerika aufgebrochene Jesusbewegung unter jungen Menschen, die der Kirche ganz fern standen; ein kleiner Beweis dafür ist mir auch die Tatsache, dass man sich in Büchern immer wieder an diesen Jesus heranwagt, ob das nun A. Holl mit seinem "Jesus in schlechter Gesellschaft“ oder R. Augsteins noch mieseres Buch "Jesus, Menschensohn" oder P. Schoonenbergs "Gott der Menschen" ist. Man sieht, dass die Menschen einfach nicht loskommen von diesem Jesus und von der größten Überraschung, dass in ihm Gott selbst uns unsagbar nahegekommen ist.

Ziehen wir aus dieser größten Überraschung die richtige Schlussfolgerung. Es stimmt, was die Pharisäer und Schriftgelehrten damals gesagt haben: Sünden vergeben kann nur Gott allein. Jesus aber — er hat es durch die wunderbare Heilung des Gelähmten, durch alle anderen Wunder, die er gewirkt, vor allem durch das größte Wunder, seine glorreiche Auferstehung, bewiesen, dass er mehr ist als ein bloßer Mensch, er ist der menschgewordene Sohn Gottes und hat darum Macht, nicht nur über die Krankheiten des Leibes, sondern auch über alle Krankheit der Seele. Er hat Macht über die Sünde, die er vergeben kann, persönlich, wie er es tat der Ehebrecherin, der Magdalena, dem rechten Schächer u.a. gegenüber, und die er vergeben kann durch jene, denen er seine Sündenvergebungsgewalt übertragen hat...

Liebe Gläubige, wir wollen wie das staunende Volk damals Gott Vater preisen, der seinem Sohn Jesus Christus solche Macht gegeben hat, wir wollen dem menschgewordenen Sohn Gottes unseren starken Glauben und unser grenzenloses Vertrauen, aber auch die ihm schuldige Anbetung schenken. Wir wollen vor allem auch immer wieder dankbar gläubig die Überraschung erleben, dass uns Jesus Christus durch seinen Priester wahrhaft und wirklich alle Sünden vergibt, wenn wir uns reumütig anklagen in der Beichte. Und wir wollen mit gläubiger Zuversicht die letzte Überraschung erwarten, die Jesus Christus für die Menschheit bereithält: seine Wiederkunft am Jüngsten Tag. Dann wird Er uns, die wir an Ihn geglaubt und auf Ihn vertraut haben, ganz und gar heilen an Seele und Leib und wie Er zum Gelähmten gesagt hat: "...nimm dein Bett und geh nach Hause", so wird Er zu uns dann sagen: "Nun bist du zu Hause, im Vaterhaus Gottes und darfst teilnehmen am ewigen Hochzeitsmahl der Freude, für das das eucharistische Opfermahl Vorbild und Vorgeschmack und Unterpfand gewesen ist. Amen.