6. Sonntag im Jahreskreis – Lj B

gehalten in St. M. Loreto am 14.2.1982

 

Die Heilung eines Aussätzigen wird uns im heutigen SoEv berichtet, aber in einer Weise, die aufhorchen lässt: Wir können das Unerhörte dieses Wunderberichtes ablesen am Verhalten des Aussätzigen, zweitens am Verhalten Jesu und drittens an der Einschaltung der Priester:

1. Das Verhalten des Aussätzigen: Er kam zu Jesus heran und fiel vor Ihm nieder und bat: Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen!" Der Aussätzige, jeder Aussätzige fiel unter die Härte des alttestamentlichen Gesetzes: Im 3. Buch des Mose (Lev 13 und 14) stehen die genauen Vorschriften, was ein Aussätziger zu tun hatte und wie mit einem Aussätzigen umzugehen war: Der Aussätzige war nach dem zur Zeit Jesu immer noch geltenden jüdischen Gesetz aus der Volksgemeinschaft vollständig ausgeschlossen. Um die kultische Reinheit des alttestamentlichen Volkes Gottes nicht zu gefährden, musste der Aussätzige völlig abgesondert von den Mitmenschen, von den Verwandten, Freunden und Bekannten sein Dasein fristen; er galt als "unrein" und damit auch als offenkundiger Sünder. Diese kultische und religiöse Abstempelung bedeutete zugleich auch eine gesellschaftliche Disqualifizierung. Denn der Aussätzige musste nicht nur den anderen Menschen völlig fern bleiben, es war ihm vor allem auch jede Berührung mit ihm strengstens untersagt. Jede Berührung mit einem Aussätzigen hätte auch den, der mit ihm auch nur den geringsten Kontakt aufgenommen hätte, ebenfalls vor dem Gesetz unrein gemacht. Und hier, was geschieht hier mit dem Aussätzigen im heutigen SoEv? Er wagt es, zu Jesus zu kommen. Wieso wagte er das? Hatte etwa die Kunde von Jesus, dass Er so ganz anders sei als die Schriftgelehrten und Gesetzeslehrer in Israel, schon so weit gewirkt, dass dieser Aussätzige alle Angst und Scheu vor dem Gesetz verloren hatte? Er wagte es jedenfalls, zu Jesus hinzukommen. Und dann kniete er - vielleicht noch in einem gewissen Abstand - vor Jesus nieder. Warum tat er das? Vielleicht lagen lange innere Kämpfe hinter ihm, bis er sich zu diesem Schritt aufraffte. Vielleicht dachte er: Meine Situation ist so furchtbar. Ich halte es nicht mehr aus. Gehe es wie es gehen will, wenn irgendwo, dann winkt mir nur noch bei diesem Jesus Rettung, Heilung und Gesundheit. Und wundersam rührend kommt nun die Bitte über seine Lippen: "Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen!" Wenn Er, dieser Jesus will - und nach all dem, was der Aussätzige von Ihm gehört hat, darf er doch hoffen, dass er will. „Er hat vielleicht wirklich die Macht dazu, mich rein zu machen. Er braucht nur wollen.“

Wahrlich, ein sehr gewagtes, mutiges, sich über das Gesetz und seine Vorschriften hinwegsetzendes und von grenzenlosem Vertrauen in das Wollen Jesu und in die Macht Jesu getragenes Verhalten offenbart dieser Aussätzige.

2. Welches Verhalten gegenüber dem Aussätzigen aber nimmt nun Jesus ein? Was wird Jesus jetzt tun? Wird Er ihn, den Ausgestoßenen, wegjagen? "Schau, dass du wegkommst? Kennst du denn die Bestimmungen des Gesetzes nicht? Weiche von mir!" Nein, kein Wort dergleichen kam über die Lippen Jesu.

Wie verhielt sich also Jesus? Der Atem mag dem Aussätzigen still gestanden sein, als er merkte, wie Jesus ruhig seine Hand ausstreckte, aber nicht um ihn wegzujagen, sondern um ihn gütig-liebevoll zu berühren. Seitdem der Aussatz an ihm war, kannte er nicht mehr eine liebende Berührung von Menschenhand. Das war ja strengstens verboten. Und dieser Jesus setzt sich nun kühn über das Gesetz in Israel hinweg. Eine Regung des Erbarmens und des Mitleids ist Ihm mehr als ein Paragraph des Gesetzes.

Und dann nimmt dieser Jesus auch noch - wie anerkennend und liebevoll - die Worte der Bitte des Aussätzigen auf seine Lippen. Der Aussätzige hatte gestammelt: "Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen!" Und nun das Wort Jesu, das ebenso inhaltsschwer ist wie vorhin die Bitte des Aussätzigen: „ICH WILL - SEI REIN!“

Der Gleichklang der Bitte des Aussätzigen und die Erhörung der Bitte durch Jesus ist vielsagend: Jesus anerkannte in ergreifender Güte und Liebe das in der Bitte des Aussätzigen liegende Vertrauen; es ist zunächst, wie wenn Jesus dem Aussätzigen sagen wollte: Du hast ganz recht gehandelt, dass du dich an Mich gewandt hast. Meine Hand, die dich berührt, und das Wort, das Ich jetzt gesprochen habe, sagen dir: „Ich stehe ganz auf deiner Seite, da mag das Gesetz vorschreiben, was es will. Für mich gilt das nicht, Ich stehe über dem Gesetz!“ „Ich will - sei rein!" In diesem Heilandswort steckt noch mehr drin: Er braucht nur wollen - und die Heilung vom Aussatz erfolgt. Ihm steht die Macht Gottes zu, Er weiß es und sagt es: es genügt ein Wink seines Willens - und der Aussätzige ist rein. ALLES, gar alles ist seinem Willen untertan.

3. Das Wunder der Heilung des Aussätzigen ist geschehen. Aber nun folgt das Dritte: die Einschaltung der Priester.

Eben hat sich Jesus mit ungeheurem Machtbewusstsein über das Gesetz hinweggesetzt und in göttlicher Machtvollkommenheit das Wunder gewirkt, da anerkennt er wieder ganz das alttestamentliche Gesetz und gibt dem geheilten Aussätzigen den Befehl: Rede jetzt noch nicht von deiner Heilung, geh zunächst und suche den Priester auf, wie es Mose im Gesetz vorschreibt und bring das Dankopfer dar. Bevor der Priester den bisher Aussätzigen nicht rein erklärt hat, besteht die Vorschrift in Bezug auf den Verkehr der Aussätzigen auch für den Geheilten weiter: Also geh und zeige dich dem Priester!

Bei der Heilung der 10 Aussätzigen, von der im Lk 17,11-19 berichtet wird, macht es Jesus dann genau so: "Geht hin und zeigt euch den Priestern!“

Die Heilung der Aussätzigen tritt da überhaupt erst während ihres Hingehens zu den Priestern ein: "Während sie hingingen, wurden sie rein", heißt es im LkEv.

Übersehen wir bei diesem Befehl Jesu nicht, dass der Aussatz für das Volk Israel nicht nur eine körperliche Krankheit, sondern auch ein schreckliches Symbol für die Sünde war. Die Sünde entstellt den Menschen in den Augen des allwissenden Gottes und isoliert ihn zugleich, weil sie ihn aus der Gemeinschaft der Gotteskinder ausschließt. Wenn Christus den Aussatz heilt, dann setzt er zugleich ein heiliges Zeichen für das, was Er eigentlich den Menschen bringen will: Heilung vom Aussatz der Sünde und Wiederaufnahme in das heilige Volk der Gotteskinder. Viele Menschen werden sich im Lauf der folgenden Jahrhunderte an Jesus wenden und Ihm ihre mit Sündenaussatz bedeckte Seele hinhalten. Er wird dann keinen einzigen von ihnen zurückweisen, der wirklich geheilt werden will. Aber er wird denen, die ein Organ und ein Gespür für die Bedeutung seiner Worte haben, sagen: "Geht und zeigt euch dem Priester!" Und sie werden rein werden, während sie hingehen, d.h. während sie die ernste Absicht haben, dem Priester ihren Sündenaussatz in einer aufrichtigen Beichte aufzuzeigen. Es ist keineswegs so, wie man es uns Katholiken gar manchmal vorwirft, dass unsere Beichtpraxis mit der Praxis des Herrn nicht übereinstimme, weil er doch ohne Mittelsperson vom Sündenaussatz geheilt und die Sünden vergeben habe. Wer aber die Symbolsprache der Hl. Schrift versteht, ist darüber besser unterrichtet. Die zwei Beispiele im Mk- und im LkEv, wo Jesus Aussätzige heilt und dann doch den Befehl gibt; "Zeigt euch dem Priester!" sind so vielsagend, so dass wir gerade auf Grund dieser Weisung des Herrn, der gezeigt hat, dass er über dem alttestamentlichen Gesetz steht, die Worte des Auferstandenen an die Apostel hier mit hereinnehmen müssen: "Wem ihr, die Apostel, die Sünden nachlasset, dem sind sie nachgelassen!"

Und wir denken hier auch noch an jene wunderbare Heilung eines Gelähmten, dem Jesus zuerst die Vergebung seiner Sünden zusichert. Auf das hinauf die Aufregung der Schriftgelehrten und Pharisäer: "Dieser Jesus lästert ja Gott, denn wer kann Sünden vergeben als nur Gott allein?!" Und Jesus darauf: "Was ist für mich leichter, zu sagen: deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!? Damit ihr aber wisset, dass der Menschensohn Macht hat auf Erden, Sünden zu vergeben, darum sage ich dir: Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!" Das Wunder der Heilung von der Lähmung als Beweis dafür, dass Jesus noch mehr kann als kranke Leiber zu heilen, Er kann auch Sünden vergeben und kranken Seelen vom Aussatz der Sünde heilen! Und diese Heilung vom Aussatz der Sünde wollte Er fortgesetzt weiterwirken, aber durch die Mittelsperson des bevollmächtigten Priesters: Geh hin und zeige dich dem Priester! Danken wir dem Herrn heute für die Einsetzung des Sakramentes der Buße, bei dem uns immer wieder, wenn wir nur aufrichtige Reue über unsere Sünden haben und uns zu einem reumütigen, demütigen, aufrichtigen Sündenbekenntnis vor dem Priester aufraffen, die Heilung vom Sündenaussatz in der Lossprechung zuteil wird. Amen.