5. Ostersonntag - A

gehalten in St. M. Loreto am 27. April 1975

 

Wer einmal besinnlich und mit offenen Augen die schöne Stiftskirche der Erzabtei St. Peter in Salzburg betreten hat, dem ist das großartige frühromanische Portal aufgefallen: In der Lunette: Christus, der auferstandene und erhöhte Herr. Um das Bild Christi herum im Bogen ein ungemein sinnvoller lateinischer Spruch, der Christus selbst in den Mund gelegt wird. Der Herr sagt gleichsam zu den in die Kirche Eintretenden: "Janua sum vitae, salvandi quique venite, per Me transite, via non est altera vitae" (Zu Deutsch: "Ich, Christus, bin die Tür, das Tor zum Leben. Ihr alle, die ihr gerettet werden sollt, kommt und geht durch Mich hindurch. Es gibt keinen anderen Weg zum Leben!“)

In diesem Spruch sind großartig die Hauptthemen der Evangelien des vorigen und des heutigen Sonntags zusammenkomponiert: Am letzten Sonntag war das Evangelium, in welchem der Herr Jesus Christus gesagt hat: „Ich bin die Türe, durch die man zur wahren Herde und in den rechten Schafstall hineingelangt.“

Heute bringt Christus wieder ein solches Bild im Evangelium. Er sagt uns, dass Er der Weg ist, der zum Vater und zur wahren Heimat führt. Christus - die Türe zur wahren Herde, Christus – der Weg zum Vater.

Denken wir darüber ein wenig nach in einer besinnlichen Meditation. Das heutige Sonntagsevangelium ist der Abschiedsrede Jesu im 14. Kapitel des JohEv entnommen, diese aber ist so vielsagend und schön, weil ergreifende Abschiedsstimmung darüber liegt und die selbstlose Liebe des Guten Hirten zu seinen Schafen dabei spürbar wird:

1.                         Zuerst tröstet Jesus die nach seinem Tod und seiner Himmelfahrt als seine Stellvertreter, als Hirten seiner Herde, sein Werk auf Erden in der Kirche fortsetzen sollen. Er sagt ihnen: "Euer Herz sei ohne Angst! Glaubt an Gott und glaubt an Mich!" Ja, wer wirklich tief und stark an Gott glaubt und ebenso tief und stark und voll Vertrauen an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes, den gekreuzigten und auferstandenen Heiland und Erlöser, glaubt, der braucht eigentlich keine Angst und keine Furcht zu haben. Es mögen auch dunkle, schwere, harte, leidvolle Stunden im Leben daherkommen, immer wird der rechte starke Gottesglaube, der rechte, tiefe Christusglaube Halt und Trost, Kraft und Stütze sein, um das Leben zu meistern und alle Schwierigkeiten des Lebens überwinden zu können. Wie arm sind dann aber jene, die keinen Glauben haben! Ich denke da an meine Lazarettseelsorge an den verwundeten Soldaten im II. Weltkrieg. Wie schön war es, die verwundeten Soldaten in ihrem Leiden und vor allem in der Sterbestunde aufzurichten und zu trösten. Und es gelang dort am besten, wo von daheim her noch ein rechter Gottesglaube und Christusglaube vorhanden war. Wie arm aber waren die anderen Soldaten ohne Glauben. Da quälte sich ein aus der Kirche ausgetretener, ungläubig gewordener Soldat in seinen furchtbaren Schmerzen brüllend und schreiend furchtbar ab. Ich durfte nicht zu ihm. Das war strengstens verboten. Aber ich sagte es dem Ortsgruppenleiter, er solle doch diesen armen verwundeten Soldaten aufsuchen und ihn trösten. Der aber gab mir zur Antwort: "Ich wüsste nicht, was ich ihm sagen sollte!" Ja, so war es. Ein Ungläubiger kann nicht einen anderen Ungläubigen in Schmerz und Leid und in der schwersten Stunde aufrichten und trösten. Das ist ganz unmöglich. Der Heiland aber gab uns den schönsten Trost für alle schweren Stunden: Glaubt an Gott und glaubt an Mich! Tun wir's und seien wir dankbar dafür.

2.                         Dann spricht Christus davon, dass Er bei seinem Weggehen aus dieser Welt denen, die an Ihn glauben, nur zum Vater vorausgehe: "Ich gehe hin, um euch einen Platz zu bereiten. Und wenn Ich hingegangen bin und euch einen Platz bereitet habe, dann komme ich wieder und werde euch zu Mir holen, damit auch ihr dort seid, wo Ich bin!" Wieder ein so herrliches, tröstliches Wort für das Leben und für das Sterben des christusgläubigen Menschen! Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, ist uns vorausgegangen. Er ist schon in der Herrlichkeit beim Vater. Dort, ja dort, ist auch unser letztes Ziel, unsere wahre Heimat. Hier auf Erden haben wir keine bleibende Stätte. Wir sind nur Gast auf Erden, nur Pilger zur wahren Heimat. Wehe den Menschen, die das nicht erfassen und die meinen, sich auf Erden so festsetzen, förmlich festkrallen zu können, als ob sie ewig hier bleiben könnten. Nein, hier sind wir nur Fremdlinge und Pilger! Die großen, wahrhaft gläubigen Menschen, voran die Heiligen, haben diese Tatsache immer vor Augen gehabt. Ich denke da an den ersten Papst, den hl. Petrus. Er hat, den Tod schon vor Augen, in seinem 2. Brief (2 Petr 1,14) geschrieben: "Ich weiß, dass mein Zelt bald abgebrochen wird!" — Und ich denke an den hl. Paulus, der in seinem 2. Kor 5,1 ganz ähnlich schreibt: "Wir wissen, dass dann, wenn unser irdisches Wohnzelt abgebrochen wird, wir einen Bau von Gott empfangen, ein nicht mit Händen errichtetes, ewiges Haus im Himmel!"

 

Diese bildliche Sprache über den Tod hat sich die Kirche in ihrer Liturgie zu Eigen gemacht in der Totenpräfation, wo sie betet: "Deinen Gläubigen, o Herr, kann ja das Leben nicht geraubt werden, es wird nur neugestaltet. Und wenn die Herberge ihres Erdenwallens in Staub zerfällt, steht ihnen eine ewige Heimat im Himmel offen.“

Es geht hier um ein vielsagendes und überaus wichtiges Bild: Nicht nur das ganze Volk Gottes, die Kirche, ist auf Pilgerschaft — wir sprechen heute mit Recht von der pilgernden Kirche! — , auch jeder einzelne Mensch ist nur auf Pilgerfahrt hier auf Erden: Da und dort schlagen wir für einige Zeit provisorisch unser Zelt auf wie auf einem Campingplatz. Und ob es nur ein abbruchreifes Zelt, eine arme Hüte oder eine schöne Eigentumswohnung oder eine Villa oder gar ein Schloss ist, ganz gleich; dann aber, bisweilen sehr plötzlich und schnell, wird das Zelt abgebrochen, weil es hier auf Erden für keinen eine bleibende Stätte gibt. Der Herr ist uns in seiner Auferstehung und Himmelfahrt zur wahren, bleibenden, ewigen Heimat vorausgegangen und er will — so sagt er es uns heute ganz klar und deutlich — , dass auch wir dort seien, wo Er ist. In der Todesstunde, da kommt Er und holt uns ab. Glücklich der Mensch, der so das Leben und so das Sterben auffasst: als Pilgerfahrt, als provisorisches Zeltaufschlagen und schließlich als ein abgeholtwerden von Ihm, von Christus, heim, zur wahren Heimat

 

3.         Und nun sagt Christus weiter in seiner Abschiedsrede: "Ihr kennt den Weg, wohin Ich gehe!" Da schaltete sich der Zweifler Thomas wieder in das Gespräch ein und sagte etwas unüberlegt: "Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst; wie sollen wir da den Weg kennen!“ Und darauf der Heiland: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben!" Niemand kommt zum Vater außer durch Mich!" Ein herrliches Wort, in welchem uns Christus selber klar sagt, was Er für uns ist: Weg und Wahrheit und Leben. Es käme nur darauf an, das auch ernst zu nehmen und bewusst in unser Leben einzubauen! Tagtäglich! So hat es der +Passauer Theologieprofessor und religiöse Schriftsteller Ignatius Klug gemacht in seinem Morgengebet, das er seinen jungen Leuten, die er zu erziehen und auszubilden hatte, aus eigener Lebenspraxis beigebracht hat. So fängt dieses Morgengebet an: "Herr, dieser Tag und was er bringen mag, sei mir aus deiner Hand gegeben. Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Du bist der Weg, ich will ihn gehen. Du bist die Wahrheit. Ich will sie sehen. Du bist das Leben. Mag mich umwehen Kühle und Glut. Alles ist gut, so wie es kommt. Gib, dass es mir frommt. In deinem Namen beginn ich. Amen."

Christus - der Weg! Diesen Weg gilt es zu kennen und dann auch zu gehen, er führt sicher zum Ziel. Den Weg kennen! Machen wir uns das klar am modernen Leben: Wenn man heutzutage in eine moderne Großstadt mit dem Auto hineinfährt, in der man noch nie gewesen ist, hat man seine großen Schwierigkeiten. Man hat eine Anschrift, wo derjenige wohnt, den man aufsuchen muss. Man möchte fragen. Aber man kann nicht halten. Denn dichte Reihen parkender Autos an allen Straßenrändern. Und wo kein Auto geparkt steht, da ist sicher Halteverbot. Man kommt mit dem Wagen an eine Ampel mit rotem Licht, dreht schnell die Scheibe herunter, und fragt einen Vorübergehenden. Der zuckt die Schulter: Tut mir leid, bin selber hier fremd. Auf der Ampel ist es inzwischen grün geworden. Die Fahrt mit dem Wagen geht weiter. Hinter mir hupen die anderen schon. Man versucht es rechts herum, um in die richtige Straße der angegebenen Adresse zu kommen. Falsch. Links herum wird es nun probiert. Und das Ergebnis? Man ist plötzlich wieder da, wo man schon vor einer Stunde war. Endlich findet man eine Parklücke. Nun fragt man sich zu Fuß mühsam durch zum rechten Weg zur angegebenen Adresse. Endlich, nach langen Irrwegen ist man an Ort und Stelle.

Geht es im religiös-sittlichen Leben vielen Menschen nicht ähnlich? Was wird herumprobiert und herumgesucht, um dem Leben den rechten Sinn und die rechte Orientierung zum Ziel zu geben! Aber so viele Umwege und Irrwege! Da steht Christus vor uns: „Ich bin der Weg!“ Er führt direkt zum Vater und ins Vaterhaus. Schade, dass dies so viele nicht wahrhaben wollen und es nie oder nur sehr spät oder zu spät erkennen. Sich in der heutigen Welt und Zeit mit ihren verwirrenden Auskünften auf religiösem Gebiet mit dem Angebot der Sekten und Ideologien und mit ihren verschiedensten, vom eigentlichen Ziel ablenkenden Angeboten zurechtfinden, ist heute wahrlich nicht leicht! Aber wir hätten seit der Taufe die rechte Adresse bei uns, wo wir landen müssen: Auf zum Haus des Vaters! Im Hause des Vaters sind viele Wohnungen!

Und der Weg zum Vater ist Christus! Wer den Herrn Jesus Christus in seinem Wort, in seinem eucharistischen Geheimnis, in seiner Kirche gefunden hat, der ist auf dem rechten Weg.

Christus kennenlernen. Denn wenn wir Ihn erkannt haben, dann haben wir auch den himmlischen Vater erkannt, der unser letztes Ziel ist.

Aber was Christus tadelnd zum Apostel Philippus sagen musste: "Schon solange bin ich bei euch und du kennst mich immer noch nicht?!", das muss Christus tadelnd erst recht zu vielen unter uns sagen: Wir kennen Ihn viel zu wenig, wir kennen sein Wort, seine Wahrheit zu wenig und anerkennen viel zu wenig, was uns im Wort Christi, im eucharistischen Geheimnis Christi, in der Wahrheit Christi an kostbarer Wegweisung und Hilfe auf unserer Pilgerfahrt angeboten und mitgegeben wird! Christus sagt uns: "Ich bin der Weg..." Halten wir uns daran! Amen.